Über Neuanfänge, Mut und die Erlaubnis, glücklich sein zu dürfen

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Der durchschnittliche Studienanfänger ist 18,7 Jahre alt und der Studienstart soll ein Beginn Richtung Sicherheit sein. Auch wenn wir oft damit hadern, was wir wirklich wollen, so mussten wir für den Start doch meist nicht das schon Erreichte dafür aufgeben. Bei Stella ist das anders. 

Foto: Privat

Stella ist Ende 40, hat zwei Kinder, ist glücklich verheiratet, lebt im benachbarten Luxemburg und hat 2017 angefangen Psychologie zu studieren, nachdem sie ihren geliebten Job als Tagesmutter aufgeben musste. 

Wie fängt man eigentlich das Neu-Anfangen an, wenn man dafür die Sicherheit des schon Erreichten aufgeben muss und was braucht es dafür? Und wie unterscheidet sich mein Studienstart von dem von Stella?

Der Neuanfang suchte sich eher Stella aus. In Luxemburg werden Tagesmütter nicht ausreichend vergütet und Stella hat am Ende mehr gezahlt, als verdient. Ich sehe jedoch, dass die Frau, die mich durch ihre Web-Cam anstrahlt und vor Lebensfreude nur so strotzt, heute sehr glücklich ist, diesen Schritt gegangen zu sein. Das erste Mal in ihrem Leben hat sie das Gefühl, „alles richtig gemacht zu haben“.

Als 20jährige war es Stellas Traum, Medizin zu studieren, es haben sich jedoch zu viele Dinge in den Weg gestellt, um den Traum zu verwirklichen. Stattdessen entschied sie sich für ein Physik-Studium und arbeitete viele Jahre in technischen Berufen. Der Gedanke, anderen Menschen helfen zu wollen, schwang aber immer mit. Heute sieht Stella das Psychologie-Studium als die logische Konsequenz aus dem, was sie mal machen wollte, aber nicht konnte, sowie ihrer Liebe für das Zwischenmenschliche und dem Willen, zu helfen.

Als Stella mit mir gemeinsam an den Studienstart zurückdenkt, berichtet sie mit einem Schmunzeln von der Ersti-Woche. Sie genießt den Umgang mit den „jungen Leuten“, fühlt sich nie außen vor und hat den Anspruch an sich, emotional und leistungstechnisch mitzuhalten. Sie erzählt jedoch auch, dass sie deutliche Unterschiede zu ihrem früheren Studium merkt. Der Umfang ist stark gestiegen, die Klausuren fallen ihr schwerer.
Neben dem Studium engagiert sich Stella beim Campus Ohr, einer Beratungsstelle von Studis für Studis und redet dabei von „ihrem Herzensding“. Ich sehe, wie ihre Augen sich weiten und kann gut nachvollziehen, wie leicht es einem fallen dürfte, sich vor Stella zu öffnen. Die Art, wie sie von Dingen erzählt, strahlt eine unglaubliche Wärme aus. 

So glücklich und zufrieden, wie Stella es heute ist, war sie jedoch nicht immer. Oft musste sie sich aus finanziellen Gründen umorientieren und neuanfangen, wo sie doch lieber geblieben wäre. Sie kritisiert, dass man in unserer Gesellschaft erst dann wirklich ernstgenommen wird, wenn man ein Diplom in der Hand hält, mit dem man das Können beweisen muss. Das Psychologie-Studium ist für sie auch eine Bestätigung: Wenn sie will, dann kann sie auch ein Diplom in der Hand halten. Auf Applaus wartet sie hingegen nicht und auch Kommentare, wie: „das ist aber mutig, dass du in deinem Alter nochmal studierst“ empfindet Stella nicht als passend. Sollten wir nicht allen, egal ob Anfang 20 oder Ende 40 zutrauen, dieselben, guten Leistungen erbringen zu können?

„Aber Mut braucht es doch trotzdem, um sich von Altem zu lösen“?
„Ja, man muss mutig sein“, antwortet Stella. „Letztlich musst du dir die Erlaubnis geben, glücklich zu sein. Der Moment, in dem du verspürst, dass du etwas Neues machen möchtest, ist auch der Moment, an dem du dir eingestehen musst, dass du mit dem Alten nicht mehr zufrieden bist. Entweder hörst du dann auf, an der Wunde des „ich will etwas Anderes“ zu kratzen und findest dich mit der Unzufriedenheit ab oder du änderst etwas“.
Legt man das Alte und das mögliche Neue also in eine Waagschale und das Neue überwiegt, dann ist der Zeitpunkt gekommen, um mutig zu sein und das schon Erreichte gegen einen Neu-Start einzutauschen.

Neben Mut braucht es aber auch Unterstützung und die bekommt Stella von ihrem Mann und ihren Kindern, die alle sehr stolz auf sie sind. Stella’s Stimme erhebt sich voller Freude: „Ich bin jetzt schon im 6. Semester, ich habe es so weit geschafft.“

Hat Stella ihren Bachelor in der Tasche, dann möchte sie gerne den Master machen oder bei zu langer Wartezeit auf einen Platz, eine Coaching-Ausbildung, da sie ihr Studium aus eigenen Ersparnissen finanziert und von niemandem finanziell abhängig sein möchte. Das Entscheidende für Stella ist letztlich, dass sie Menschen helfen kann, ihre Gedanken und Gefühle versteht und niemand sich so fühlen muss, als hätte er keinen, zu dem er kommen kann, wenn er dem Neuen eine Chance geben will.

Am Ende unseres Gespräches wird mir klar: Mein Studienstart und auch mein Studium unterscheiden sich von Stellas. Was mein Beginn ist, ist Stellas Neu- Anfang. Und für einen Neuanfang braucht es vor allem die eigene Erlaubnis, nicht länger in der Unzufriedenheit verweilen zu müssen. 

Irgendwie beneide ich Stella um die Erkenntnis, dass das, was sie jetzt tut, genau das ist, was sie tun will. Vielleicht braucht es Zeit und Lebenserfahrung, den Anfang zu wagen, der bis zur Sicherheit währt und vielleicht sollten auch wir 18,7 Jahre alten Studienanfänger mutig genug sein, um unseren Beginn immer wieder in eine Waagschale mit dem möglichen Neuen zu legen. 

Ich bin dankbar für ein wunderbares Gespräch mit einer bemerkenswerten Frau

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3 Kommentare
  1. Liebe Marcia,
    das ist ein wunderbarer Bericht! Er macht Mut, auch in fortgeschrittenem Alter einen eher ungewöhnlichen Weg zu gehen. Er hat mich emotional sehr angesprochen. Ich freue mich schon auf weitere Berichte von Dir.
    Liebe Grüße
    Michael

  2. Stella und Marcia, zwei sehr mutige Frauen, die sich aus ihrer Komfortzone herauswagen und auf Neues einlassen, kritisch und selbstverantwortlich. Und die Botschaft von Beiden, dass sich Jeder selbst die Erlaubnis gibt, zufrieden zu sein, empfinde ich als ganz große Herausforderung, die es lohnt, sie anzunehmen.

  3. Liebe Marcia,
    Wir, ein älteres Ehepaar, haben deinen Beitrag mit normaler Neugier zu lesen begonnen und fanden uns mit wachsender Lesespannung am Ende unerwartet beeindruckt: nicht nur war Stellas Weg mit besonderen Widerständen von dir einfühlsam nachgezeichnet, auch die Rückkopplung aus dem Interview auf deinen eigenen Weg war überzeugend und bescheiden angefügt.
    Wir haben deinen Bericht dankbar aufgenommen und warten gern auf mehr!
    Mit guten Wünschen für dich,
    Erika und Leopold

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