Die Enge in meiner Brust

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**Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Panikattacken und PTBS**

Es ist der 24. August 2018. Ich sitze im Nachtbus von San Gil nach Santa Marta, Kolumbien. Ich bin müde. Im Bus ist es viel zu kalt. Ich kuschle mich in meine Jacke, während lateinamerikanische Charts in meine Ohren dröhnen. Immer wieder schrecke ich hoch, wenn der Busfahrer zu schnell in eine Kurve fährt und abrupt auf die Bremse tritt. Trotzdem schlafe ich allmählich ein. 

Plötzlich werde ich aus meinem Schlaf gerissen, spüre wie mich die Schwerkraft nach vorne zieht,  höre das knirschende Zusammendrücken von Metall. Dann ist alles schwarz. 

Ich werde wachgerüttelt. Desorientiert schaue ich mich um, erkenne nichts. Meine Brille sitzt nicht wie gewohnt auf meiner Nase. Ich versuche mich zu erinnern, wo ich bin. Nichts. Ich werde hochgezerrt und stolpere einen matschigen Hügel hoch. Es ist stockfinster. Immer wieder werde ich vom grellen Licht der Krankenwagen geblendet. Ich höre schreckliche Schreie. Mir schießen Tränen die Wangen hinab, ich bekomme kaum Luft und spüre das erste Mal diese Enge in der Brust. Panik. 

Später wird mir erzählt, dass unser Busfahrer die Kontrolle verloren habe. Der Bus ist von der Straße in eine Schlucht gestürzt. Durch den Aufprall wurden wir durch die Fenster in das vier Meter tiefere Flussbett geschleudert. Ob dabei Menschen gestorben sind, weiß ich nicht, kann es nur vermuten. In Kolumbien stehen solche Busunfälle auf der Tagesordnung. Nicht über jeden wird ausführlich in den Medien berichtet. 

Ich nehme den ersten Flug nach Deutschland. Der Schock lässt nach, die Schmerzen werden stärker. Bis auf Prellungen und eine angeschwollene, blaue Gesichtshälfte geht es mir gut. Die ständigen Kopfschmerzen schiebe ich auf eine noch nicht ganz auskurierte Gehirnerschütterung, die Enge in der Brust auf die Prellungen. 

Kurz darauf ziehe ich nach Trier. Neue Stadt, neue Leute, neue Uni. Doch der Unfall holt mich immer wieder ein. Ob auf der Autobahn, im Club oder im Bett kurz vor dem Einschlafen: es beginnt mit einem Kribbeln in den Händen, dann verkrampfen meine Füße. Mir ist heiß und kalt gleichzeitig. Mein Kopf pocht. Tränen schießen hinab. Und dann kommt wieder diese Enge in meiner Brust. Ich kann kaum atmen, recke den Kopf nach oben. Ich befinde mich im Tunnel. Panik. 

Es dauert vier Monate, bis ich mir Hilfe suche. Scham hält mich zurück. Im Dezember 2018 wende ich mich an die psychosoziale Beratungsstelle der Universität Trier. Es ist mein erster Schritt in Richtung Psychotherapie. Diese ist vor allem anstrengend und mühsam. Aber sie gibt mir Sicherheit zurück, nimmt mir die ständige Angst.

Der Busunfall bestimmt noch immer einige Bereiche meines Lebens: wohin ich als nächstes reise, ob mich die Musik im Club triggern wird und um wie viel Uhr ich noch mit dem Auto fahre.  Aber durch die Therapie habe ich herausgefunden, wann die Panik kommt und wie ich mit ihr umgehen kann. Die Panik kontrolliert mich nicht mehr, ich kontrolliere sie.

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