Motho ke Motho ka Batho

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„Motho ke motho ka batho“- Der Mensch ist Mensch durch Menschen
Diese Sichtweise auf das Leben begegnete uns (Romi und Marcia) das erste Mal auf dem Vorbereitungsseminar für unseren entwicklungspolitischen Freiwilligendienst mit Weltwärts, den wir von August 2016 bis August 2017 in Südafrika verbrachten.
Damals erschienen uns diese Worte noch ziemlich inhaltslos, doch heute sind sie sogar auf unserem Körper tätowiert. Was passierte zwischen dem Abheben des Flugzeugs Richtung Südafrika und dem Ansetzen der Nadel auf unserem Körper drei Jahre später? Und nein, die Antwort auf die Frage „und? Wie wars?“ wird niemals reichen, um diesen Prozess zu beschreiben. 

Unsere Projekte:

Marcia hat das erste halbe Jahr in der Tapos Primary School und das zweite halbe Jahr im Mpho-Itumeleng Day Care Centre gearbeitet. Sie hat mit zwei anderen Freiwilligen in Pella, auf dem Grundstück einer südafrikanischen Familie, gelebt

Romi hat ein Jahr lang in der Botlhale Intermediate School in dem kleinen Dorf Letlhakane gearbeitet. Zusammen mit einem anderen Freiwilligen hat sie dort in einem leeren Klassenzimmer gewohnt.

Marcia: Romi, wieso hast du dich dafür entschieden, nach der Schule eine Freiwilligendienst zu machen?

Romi: Für mich war schon lange klar, dass ich nach dem Abitur vor allem eins will – so weit und so lange wie möglich erstmal ins Ausland. Nicht, weil es Zuhause nicht schön gewesen wäre, aber ich wollte einfach eine ganz andere Kultur kennen lernen. Welche genau, war mir anfangs ziemlich egal. Ich hatte mich für mehrere Weltwärts-Projekte, unter anderem auch in Südamerika und Südostasien, beworben. Der DSJW hat mir als Entsendeorganisation am besten gefallen, und so ist die Wahl dann auf Südafrika gefallen. War für dich denn von Anfang an klar, dass du nach Südafrika möchtest?

Marcia: Ja, die Frage nach dem „Wohin“ hat sich für mich nie gestellt. Als kleines Kind waren meine Familie und ich für zwei Monate in Südafrika und diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich wusste schon früh, dass ich nach dem Abitur an diesen Ort zurück möchte.

  • Gegründet 2008 durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
  • Förderung: Freiwillige bauen Spendenkreis (ca. 1800-2400€) auf, Rest wird vom BMZ gezahlt (+Taschengeld)
  • Ca. 20.000 Freiwillige bisher (jährlich ca. 3500)
  • Für Menschen zwischen 18 und 28 Jahre
  • Freiwilligendienst in Entwicklungs- und Schwellenländern
  • Dauer zwischen 6 und 24 Monate
  • Engagement für Bildung, Gesundheit, Umwelt, Landwirtschaft, Kultur und Menschenrechte
  • 160 aktive Entsendeorganisationen Weltweit
  • Unsere Entsendeorganisation
  • Seit inzwischen 21 Jahren Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und südlichem Afrika
  • Unterstützung der Freiwilligen durch Vorbereituns-, Zwischen- und Nachbereitungsseminare sowie Mentoren vor Ort
  • Jedes Jahr ca. 60 Freiwillige 

Romi: Häufig hört man ja, dass Weltwärts nur ein Urlaub auf Kosten der Steuerzahler ist. Was war denn am Ende schöner für dich, der Urlaub oder das Projekt?

Marcia: Über die Antwort muss ich keine Sekunde lang nachdenken: das Projekt!
Die Urlaube waren wunderschön und man konnte das Land Südafrika in all seinem Facettenreichtum kennenlernen (und davon hat es viel).
Doch wenn ich mal wieder in der Südafrika- Nostalgie schwebe, dann denke ich nicht an außergewöhnliche Orte, Ausflüge, Safaris oder Strände.

Ich sehe die strahlenden Gesichter der Menschen aus Pella, unser kleines Häuschen auf dem Grundstück unserer Gastfamilie. Höre das Lachen der Kinder beim Öffnen der Tür zur Creche (Kindergarten) und die leisen Gesänge meiner Gastschwester beim Wäscheaufhängen. Rieche Pap und Makwinia (traditionell südafrikanische Gerichte)

Das Projekt hat einen in die Kultur Südafrikas eintauchen lassen. Man hat sie nicht nur, wie bei einem Urlaub, von der Oberfläche aus betrachtet. Dieses Eintauchen in die Kultur durch meine Gastfamilie und das Projekt haben Südafrika zu meinem zweiten Zuhause werden lassen.

Wie war das bei dir, Romi?

Romi: Ja, das war bei mir ähnlich. Am Ende sind die schönsten Momente die alltäglichsten. Bei mir ist das die Morning-Assembly, bei der alle Schüler zu Beginn des Tages zusammen tanzen, singen und beten. Oder morgens das Zimmer zu verlassen, und zu sehen, dass einige Vorschulkinder schon darauf warten, auf dem Weg zum Klassenzimmer deine Hand halten zu können. Oder, wenn der chaotischste Schüler der ganzen Klasse die richtige Antwort weiß. Momente, von denen ich erst zurück in Deutschland gemerkt habe, wie viel sie mir eigentlich bedeuten. 

Aber natürlich besteht der Alltag nicht nur aus solchen Momenten. Schwierigkeiten und Herausforderungen sind genauso ein Teil des Auslandsjahres, und stressige Klausurenphasen, unmotivierte Schüler oder Konflikte mit den Lehrern gibt es in Südafrika leider genauso wie in Deutschland. Und das ist irgendwie auch das Schöne daran, ein Jahr Zeit zu haben, um alle Facetten des Dorfes kennen zu lernen: Die anfänglich erlebten Gegensätze aus Romantisierung und Kulturschock pendeln sich irgendwann ein und werden einfach nur „Alltag“. 

Marcia: Gab es Momente, in denen du das FSJ bereut hast?

Romi: Es gab schon Momente, an denen ich mich gefragt habe: Was mache ich hier eigentlich? Ich kann sehr viel weniger leisten als eine ausgebildete Lehrkraft, und wirklich etwas ändern kann ich auch nicht. Von dem Gedanken, in ein anderes Land zu fahren, um etwas zu „bewirken“ oder zu „helfen“ muss man sich glaube ich gänzlich verabschieden. Am Ende habe ich sehr viel mehr zurückbekommen, als ich gegeben habe, und bei dem Versuch, die Welt zu verändern, habe ich mich selbst am meisten verändert. 

Mit absoluter Sicherheit kann ich allerdings sagen, dass ich das Jahr nie bereut habe. Nicht mal, als es mir anfangs richtig schlecht ging, weil ich Heimweh hatte. Dieses Heimweh – das Gefühl, aus der gewohnten Umgebung gerissen worden zu sein, weit weg von allem, was ich liebte, war für mich am schlimmsten. Motho ke motho ka batho. Und plötzlich stand ich da, dreizehntausend Kilometer weit weg von Zuhause, und habe mich gefragt: Bin ich denn kein Mensch mehr, nur, weil ich hier niemanden kenne? Ein bisschen hat es sich tatsächlich so angefühlt. Und trotzdem wusste ich: Auch das geht vorbei. Und diese Veränderung schafft Platz für so viele neue Begegnungen, Erinnerungen und Erfahrungen.

Und das Verrückte daran: Als ich wieder in Deutschland war, hatte ich dasselbe Gefühl in abgeschwächter Version nochmal: Heimweh nach Südafrika. Zuhause war nicht mehr wirklich Zuhause. Ich war froh, dass ich danach gleich angefangen habe, zu studieren, und damit die Möglichkeit hatte, mir ein ganz neues Leben aufzubauen. 

Was fiel dir schwerer, Marci? Eingewöhnen oder Ausgewöhnen?

Marcia: Kulturschock eins und das damit verbundene Eingewöhnen in Südafrika hatte etwas aufregendes. Kulturschock zwei, zurück in Deutschland, war hingegen ziemlich bescheiden. Obwohl ich wusste, welche Kultur mir begegnen würde, fühlte ich mich auf diese weniger vorbereitet.
In meinem Tagebucheintrag aus August 2017 steht: „Deutschland- kalt, grau, unfreundliche Menschen, Hektik, Anonymität. Man sagt niemandem mehr Hallo, die Leute haben Falten vom angestrengten böse gucken. Wie soll ich hier klarkommen?“

Dieses „Wie soll ich hier klarkommen?“ stellte ich mir eine verdammt lange Zeit. Mein Ziel war es weder, mich auszugewöhnen, noch wollte ich mich wieder eingewöhnen.
Letztlich entschied ich mich dazu, es mit dem Ankommen in Deutschland erstmal sein zu lassen und flog zurück nach Südafrika, statt mein Studium zu beginnen.
Mitte 2018 kehrte ich dann endgültig nach Deutschland zurück.

Nach zwei Jahren ist das Sich- sträuben gegen das Leben hier in Deutschland nun größtenteils verschwunden, auch wenn die Sehnsucht nach dem Menschen, der ich in Südafrika war, die gleiche geblieben ist.
Das Gefühl der Nostalgie ist aber nicht mehr mit Verzweiflung und Trauer, sondern mit Dankbarkeit verbunden.  

Bei meinem letzten Südafrika- Besuch habe ich mir den Spruch „Motho ke Motho ka Batho“ auf meinen Fuß tätowieren lassen. Wie eine Erinnerung an mich selbst, über mich selbst, die nicht verblassen kann. Denn diese Lebensweisheit ist, was ich durch den Freiwilligendienst gelernt habe und es ist die Botschaft, die ich weitergeben will. 

Beide: Aus unserem Leben wäre die Erfahrung “Südafrika” nicht mehr wegzudenken und dafür sind wir sehr dankbar. In diesem Jahr haben wir uns mit unseren deutschen Lebensweisen und Normen kritisch auseinandergesetzt und Teil davon ist es auch, das Weltwärts- Programm selbst zu hinterfragen. Deswegen wird es auch noch einen weiteren Artikel über dieses Thema geben.
Auf die Frage: “Und? Würdet ihr es nochmal machen?”, wäre unsere Antwort aber immer wieder “Ja”!

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