Tat ohne Täter:in

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Es ist Sonntag und ich schaue mir mit meiner besten Freundin Erfurt an. Am Hauptbahnhof werden wir von der Seite von einer Frau  angesprochen. Ich erschrecke mich ein wenig, denn wer spricht einen während Coronazeiten schon an? Ich vermute, sie ist christlich, denn sie fragt uns, was wir an Ostern machen. Ich schaue sie verwirrt an und sie fragt mich: „Verstehen Sie Deutsch?“. Mein „Ja“ klingt wütend. Soll es auch.                                    

Manchmal denke ich, die Welt habe sich verändert und alle Menschen in Deutschland haben realisiert, dass auch PoC (People of Color) hier geboren sein und auch Deutsch sprechen können. Ich denke, nun würden Menschen – let’s face it es sind immer Männer- , aufhören mir „Nihao“ (Mandarin-Chinesisch für Hallo) hinterherzurufen. Ich denke, vielleicht werde ich nur noch gefragt, wo ich herkomme und sie meinen meine Heimatstadt Frankfurt am Main. 

Vielleicht beziehen sich die Komplimente für mein Deutsch auf meinen schönen Schreibstil.
Vielleicht wird mir auf Konzerten nicht mehr der Weg zum Ausgang auf Englisch erklärt. Vielleicht werde ich nicht mehr gefragt, ob ich Deutsch kann. Im Bus, bei der Frauenärztin, auf der Arbeit.
Vielleicht wird „Hon“ nicht mehr zu „Horn“ eingedeutscht. Auf eBay-Kleinanzeigen, auf meinem Praktikumsvertrag, bei Emails in meinem Ehrenamt.
Vielleicht kann ich einfach ganz normal sein.                                  

Aber dann passiert sowas. Eine Tat ohne Täter oder Täterin. Denn niemand meint es je böse, der Schaden ist trotzdem getan. Sie ist ja automatisch, diese Kategorisierung. Und im Übrigen nicht erst seit Corona. Ohne Stereotype könnten wir ja nicht funktionieren. Und so tropfen Tropfen auf Tropfen auf Tropfen in das Fass, das schon seit einigen Jahren am Überlaufen ist. 

Männer, die mir sagen, sie stünden nicht auf Asiatinnen.
Menschen, die mich auf Englisch ansprechen.
Menschen, die denken „Kommst du aus China?“ ist ein guter Gesprächseinstieg. 

Manches ist schlimmer als anderes. In einer Zoomveranstaltung vor 30 Menschen ungefragt zum Thema China und Digitalisierung drangenommen zu werden ist unangenehm, ein „Woher kommst du?“ ist mittlerweile Normalität. Im Vorstellungsgespräch gefragt zu werden, warum man sich überhaupt bewerbe, denn Chines:innen seien ja eher konservativ, ist mehr als unangebracht. Gespräche, in denen es immer wieder nur um Asien geht ein kleines Übel.             

Und trotzdem tropfen diese Situationen in das Fass der Kategorisierung. 100 Mal gefragt werden, woher man kommt und die Antwort „Frankfurt“ nicht zu akzeptieren, sind 100 Situationen, in denen Menschen nicht akzeptieren können, dass jemand, der so aussieht wie ich, in Deutschland geboren sein kann. Wo soll ich herkommen? Wo akzeptiert man mich?                  

In Hongkong, die Heimat meiner Eltern, werde ich dafür ausgelacht, dass mir manchmal Wörter auf Kantonesisch (Dialekt in der Provinz Guong Dong) nicht einfallen. Und jetzt, da meine zweite Heimat einem diktatorisch anmutenden Regime zum Opfer fällt, kann ich nicht mal an einem Ort sein, an dem mein Aussehen Normalität ist.

Es war der Tag des Rassismus, an dem mich die Frau fragte, ob ich denn Deutsch verstünde. Im Zug habe ich einen Post dazu gelesen. Ich musste lachen. Denn das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.                                         

Ich ärgere mich. Ihre und die unbedachten Worte hunderter anderer Leute trage ich in mir herum. Klar kann ich die Wut loslassen, klar kann ich auch eine Strategie finden, damit umzugehen. 

Aber warum muss ich das? Warum muss ich die Person sein, die sich bis an die Zähne bewaffnet, die sich schlagfertige Erwiderungen auf stets unbeabsichtigte und unbedachte Äußerungen überlegen muss. Warum muss ich darüber grübeln, wie ich hätte reagieren sollen? Warum muss ich mit dem Schmerz fertig werden, wieder und wieder als fremd gelabelt zu werden?

Aber wer hat mich verletzt? Wer trägt die Schuld? Ich definitiv nicht. Also die fremde Frau? Es gibt 20 Millionen Deutsche mit Migrationsgeschichte. Wir sollten uns daher doch daran gewöhnt haben, dass es uns gibt.

Liebe Grüße

Menschen mit Migrationshintergrund                                   

i.A. Sophia Hon 

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