Bild: Yasin Arıbuğa via unsplash

Ohne Rausch durchs Studium

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Im Sommersemester 2020 habe ich angefangen zu studieren. Obwohl ich dank Corona kaum etwas vom Uni-Leben mitbekomme, merke ich wie normal es ist Alkohol zu trinken. Ich trinke keinen und habe mich gefragt, bedeutet das etwas für mein Leben als Studentin? Bin ich die einzige? Die zweite Frage ließ sich leicht beantworten. Natürlich nicht. Und um die zweite zu beantworten habe ich mich mit zwei Psychologiestudentinnen von der Uni Saarbrücken ausgetauscht.

Alkohol gehört im Studium zum guten Ton, dass habe ich bereits festgestellt. Es beginnt mit den Partys und Kneipentouren in der Orientierungswoche und geht weiter bei Clubbesuchen und Fachschaftsabenden. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2020 nimmt der Alkoholkonsum bei jungen Erwachsenen mit steigendem Bildungsniveau zu1. Dies bestätigt meine persönliche Wahrnehmung, doch was bedeutet das in der Praxis, zum Beispiel für die zwei Studentinnen aus Saarbrücken?

Die beiden, nennen wir sie hier einfach Anna und Lena2, erfahren meistens einen guten Umgang mit ihrer Entscheidung, keinen Alkohol zu trinken. Am Anfang ihres Studiums begegnete ihnen zwar noch Überraschung und ab und zu ein „Warum?“, doch mit den Semestern erleben sie diese Reaktionen weniger.

Alkohol bedeutet Gemeinschaft. Man trinkt auf Partys oder trifft sich mit Freund:innen. Bedeutet Alkoholkonsum im Studium also, dass man sich besser in das soziale Netzwerk der Uni integriert? Hat das vielleicht sogar einen Einfluss auf die persönliche Leistung? Anna und Lena sehen das nicht so. Ihnen ist kein Nachteil im sozialen Umfeld der Universität aufgefallen. Das liegt wohl auch daran, dass es auf Partys kaum auffällt, wenn jemand nicht trinkt und sowohl die beiden, als auch ich die Erfahrung gemacht haben, dass sich unsere Stimmung auch im nüchternen Zustand gut an den Pegel der anderen anpasst.

In einer Studie der Johannes Gutenberg Universität Mainz gaben Studierende an, dass sie ihre Kommiliton:innen zum Alkoholkonsum animieren3. Die zwei Studis aus Saarbrücken erleben, dass ihr genereller Verzicht eher akzeptiert wird als bei Personen, die einmalig auf Alkohol verzichten. Ob das verallgemeinert werden kann oder nur auf die beiden zutrifft, kann ich nicht beurteilen, ich habe mich bisher immer rausgeredet mit: “Ich muss noch Fahrrad fahren.” Mit dem generellen Verzicht kommen aber auch Assoziationen auf, die nicht zutreffen, berichten Anna und Lena. Zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass man sich wegen der Gesundheitsrisiken gegen Alkohol entscheidet und deswegen auch generell einen gesunden Lebensstil hat. Zugegeben, bei mir waren die Gesundheitsrisiken das Hauptargument gegen Alkohol, wirklich gesünder lebe ich an den anderen Stellen aber auch nicht.

Durch diese Assoziationen kommt es aber auch mal zu lustigen Situationen, wenn man zum Beispiel gemeinsam einen Döner essen geht. „Man sieht es im Kopf ein bisschen rattern.“, erzählt mir Anna. Einigen Komiliton:innen fällt es wohl nicht ganz leicht zu verarbeiten, wenn jemand sich gegen den Rausch entscheidet und dann aber trotzdem nicht ins gesunde Weltbild passt.

Ohne Alkohol zu leben ist für die zwei Studentinnen nicht schwer, da sie nie Alkohol getrunken haben. Deshalb ist ihnen ein Lob für ihre gesündere Lebensweise oft unangenehm und fühlt sich unverdient an. Sie haben das Gefühl, dass ihr Verzicht eher für die alkoholisierten Komiliton:innen unangenehm ist. Woran könnte das liegen? Vielleicht daran, dass wir nüchternen Menschen keinen Kontrollverlust erleben. Wir können uns an alles erinnern. Jede:r, der schon mal etwas unter Alkoholeinfluss vergessen hat oder sich albern verhalten hat, versteht wohl, dass die Gewissheit, jemand anderes wird sich an alles erinnern können, ein wenig gruselig sein kann.

Ob meine Interviewpartnerinnen mit ihren positiven Erfahrungen Glück haben und eine Ausnahme darstellen oder es tatsächlich immer mehr akzeptiert wird, wenn Studierende keinen Alkohol trinken? Schwer zu sagen. Klar ist aber, Studierende, die keinen Alkohol trinken, sind die Minderheit. Wir drei haben diese Entscheidung für uns selbst getroffen und wollen niemanden erziehen. Falls ihr schonmal an jemanden geraten seid, der euch missionieren wollte, mein aufrichtiges “Sorry.”, wir sind nicht alle so. Also einfach mit Bier und Cola anstoßen und die gemeinsame Zeit genießen. Cheers!

1Orth, B. & Merkel, C. (2020). Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2019: Rauchen, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

2Namen von der Redaktion geändert

3Akbas, G., Engler, H., Owusus, J., Schuh, K. & Fenzlein, R. (2017). Alkoholkonsum bei Studierenden: Eine empirische Studie zur Rolle von sozialen Beziehungen beim Trinkverhalten.

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