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Ein Jahresrückblick in Büchern

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Mal ehrlich – wer sieht sich dieses Jahr schon freiwillig einen Jahresrückblick an? Es fühlt sich so an, als hätte sich 2020 eine Katastrophe nach der nächsten ereignet. Und jetzt neigt sich dieses Jahr dem Ende zu. Zeit, an eine der wenigen schönen Sachen in diesem Jahr zu denken: Ich hatte endlich wieder Zeit zum Lesen. In meinem persönlichen Jahresrückblick wird es nicht um Politik, Pandemien, oder sonstige Katastrophen gehen. Sondern um die Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, die mir dieses Jahr neue Perspektiven gegeben und mir vielleicht sogar die Augen für den ein oder anderen Blickwinkel geöffnet haben.

Januar: Ich bin Circe

Quelle: Unsplash

Von Madeline Miller

Genre: Griechische Mythologie

Unsterblich. Unvollkommen. Unbezähmbar.

Circe ist Tochter des mächtigen Sonnengotts Helios und der Nymphe Perse, doch sie ist ganz anders als ihre göttlichen Geschwister. Ihre Stimme klingt wie die einer Sterblichen, sie hat einen schwierigen Charakter und ein unabhängiges Temperament; sie ist empfänglich für das Leid der Menschen und fühlt sich in deren Gesellschaft wohler als bei den Göttern. Vor allem aber ist Circe eine leidenschaftliche Frau: Liebe, Freundschaft, Rivalität, Angst, Zorn und Sehnsucht begleiten sie. Am Ende muss sie sich als Magierin, liebende Frau und Mutter ein für alle Mal entscheiden, ob sie zu den Göttern gehören will, von denen sie abstammt, oder zu den Menschen – die sie lieben gelernt hat.

Für griechische Mythologie war ich schon immer zu haben, aber die Geschichte von Circe hat mich mehr bewegt als jeder Heldenepos. Eine märchenhafte und gleichzeitig feministische Neuerzählung der sagenumwobenen Zauberin, die unter die Haut geht – nicht zuletzt durch die langsame, wunderschöne Erzählweise dieses Romans, durch die man zuerst gar nicht merkt, wie sehr man an den Charakteren hängt. Diese Geschichte beschreibt Circes Unsicherheiten, ihre Kämpfe um Aufmerksamkeit und Respekt, und wie sie schließlich ihren eigenen Weg in der Magie der Pflanzen und wilden Tiere findet. Doch auch, als sie zu einer mächtigen Zauberin wird, ist dieser Kampf noch lange nicht vorbei.

Februar/März:         Strange the Dreamer /Muse of Nightmares

Quelle: Luebbe.de

Von Laini Taylor

Genre: Fantasy

„Lazlo Strange liebt es, Geheimnisse zu ergründen und Abenteuer zu erleben. Allerdings nur zwischen den Seiten seiner Bücher, denn ansonsten erlebt der junge Bibliothekar nur wenig Aufregendes. Er ist ein Träumer und schwelgt am liebsten in den Geschichten um die sagenumwobene Stadt Weep – ein mysteriöser Ort, um den sich zahlreiche Geheimnisse ranken. Eines Tages werden Freiwillige für eine Reise nach Weep gesucht, und für Lazlo steht sofort fest, dass er sich der Gruppe anschließen muss. Ohne zu wissen, was sie in der verborgenen Stadt erwartet, machen sie sich auf den Weg.“

Doch die Stadt Weep ist keinesfalls der Ort, den er in seinen Träumen gesehen hat. Die Stadt liegt im Schatten einer riesigen Zitadelle – und lebt in ständiger Erinnerung der Götter, die hier vor Jahren ihr Unwesen getrieben haben. Denn es gibt einen Grund, warum jeder in Weep den gleichen Alptraum hat, einen Grund, warum Lazlo jede Nacht das gleiche Mädchen in seinen Träumen sieht. Ein Mädchen, das nicht umsonst den Namen „Muse of Nightmares“ trägt.

Laini Taylor schreibt eine Geschichte mit Wendungen, Twists, und Charakteren, die so vielschichtig sind wie ihre Welt. Nichts in Weep ist so, wie es scheint, und die Stadt scheint zwischen surrealer Traumwelt und kollektivem Trauma hin- und herzuschwanken. Das Buch ist keinesfalls so unkompliziert, wie es der Klappentext beschreibt, und lange nicht so unbeschwert (und die deutsche Vermarktung als Jugendbuch finde ich an manchen Stellen höchst zweifelhaft). Trotzdem ist die Balance zwischen Träumen und Alpträumen, Freundschaften und Rivalen, Familienbanden und unaussprechlichen Verbrechen, und einer Liebesgeschichte, die über die Seiten hinaus geht, gehalten. Es ist die Geschichte eines Geheimnisses, das gelüftet werden will, und eines Krieges, in dem es keine Helden gibt.

April: Die Zeuginnen

Quelle: Piper.de
  • Nach der erfolgreichen Serien-Adaption des Buches „Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale“ folgt nun, 35 Jahre nach der Erstveröffentlichung des ersten Bandes, der zweite Teil: Die Zeuginnen. Drei Frauen – aus Gilead, der faschistischen Theokratie, in der Agnes aufwächst und nur nach einer Zukunft für sich selbst sucht. In Kanada, der Welt, wie wir sie kennen, wächst die selbstbewusste Nicole auf, mit dem Ziel, für eine bessere Zukunft zu kämpfen und das System zu stürzen.

Bei weitem am Interessantesten ist aber die dritte Mitspielerin: Tante Lydia, aus dem ersten Band als die skrupellose Diktatorin bekannt, die den Grundstein legte für ein System, in dem Frauen wie sie selbst weder Rechte, noch eine Zukunft haben.

Ein Buch, was so gar nicht zu dem langsamen, geduldigen und passiven Erzählstil seines Vorgängers passen will. Nein, stattdessen haben wir neue, junge Heldinnen, die alles tun, um eine bessere Zukunft zu ermöglichen und die Handlung vor allem gegen Ende des Romans mit einem Tempo vorantreiben, das tatsächlich eher zur Serie, als zum Vorgängerroman passt. Von dem Moment, als ich das Cover zum ersten Mal aufschlug, bis ich das ganze Buch gelesen hatte, sind vielleicht vierundzwanzig Stunden vergangen. Als jemand, der sowohl die Serie als auch den ersten Band verschlungen hatte, konnte ich es nicht aus der Hand legen.

Mai:    We Are Displaced

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Quelle: hatchette.com

Von Malala Yousafzai

Genre: Biografie

Leider bisher nicht auf Deutsch erschienen!

In this powerful book, Nobel Peace Prize winner and New York Times bestselling author Malala Yousafzai introduces the people behind the statistics and news stories about the millions of people displaced worldwide. Malala’s experiences visiting refugee camps caused her to reconsider her own displacement — first as an Internally Displaced Person when she was a young child in Pakistan, and then as an international activist who could travel anywhere in the world except to the home she loved. In We Are Displaced, Malala not only explores her own story, but she also shares the personal stories of some of the incredible girls she has met on her journeys — girls who have lost their community, relatives, and often the only world they’ve ever known. 

In diesem Buch wird nicht nur eine, sondern zehn Geschichten von jungen Menschen, die alles zurücklassen mussten, um ihr eigenes Leben zu retten, erzählt. Fesselnd und bewegend berichten sie von ihren Lebenswegen, von all jenen, die sie zurücklassen mussten, und einer ungewissen Zukunft.

Juni:   To Be Taught, If Fortunate

Quelle: Unsplash

Von Becky Chambers

Genre: Novelle/Science Fiction

Leider bisher nicht auf Deutsch erschienen!

In the future, instead of terraforming planets to sustain human life, explorers of the galaxy transform themselves. Ariadne is one such explorer. On a mission to ecologically survey four habitable worlds fifteen light-years from Earth, she and her fellow crewmates sleep while in transit, and wake each time with different features. But as they shift through both form and time, life back on Earth has also changed. Faced with the possibility of returning to a planet that has forgotten those who have left, Ariadne begins to chronicle the wonders and dangers of her journey, in the hope that someone back home might still be listening.

Ich weiß, es geht hier nur um eine Novelle, aber sie ist trotzdem eine der besten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Was in einer technischen und explorativen Raumfahrt á la „Interstellar“ anfängt, ließ mich nach gerade mal 160 Seiten voller Aufregung und mit einer Krise über unsere ganze Existenz zurück. Gleichzeitig erzählt Becky Chambers diese Geschichte auf eine unglaublich menschliche und philosophische Art und Weise, und mit grenzenloser Fantasie.

Juli:    Das NEINhorn

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Quelle: Carlsen.de

Von Mark-Uwe Kling, Astrid Henn

Genre: Kinderbuch

Im Herzwald kommt ein kleines, schnickeldischnuckeliges Einhorn zur Welt. Aber obwohl alle ganz lilalieb zu ihm sind und es ständig mit gezuckertem Glücksklee füttern, benimmt sich das Tierchen ganz und gar nicht einhornmäßig. Es sagt einfach immer Nein, sodass seine Familie es bald nur noch NEINhorn nennt.
Eines Tages bricht das NEINhorn aus seiner Zuckerwattewelt aus. Es trifft einen Waschbären, der nicht zuhören will, einen Hund, dem echt alles schnuppe ist, und eine Prinzessin, die immer Widerworte gibt. Die vier sind ein ziemlich gutes Team. Denn sogar bockig sein macht zusammen viel mehr Spaß!

Ich weiß nicht, ob hier noch jemand so gerne in illustrierten Kinderbücher schmökert wie ich – aber das NEINhorn ist definitiv eines der Bücher, von denen ich mir gewünscht hätte, es als Kind gelesen zu haben. Für ein Buch, das sich damit brüstet, absolut gar nicht pädagogisch wertvoll zu sein, steckt nämlich ganz schon viel drinnen – von der Moral, sich eben nicht immer anpassen zu müssen, nicht immer Lächeln zu müssen, nicht immer genauso „lieb“ sein zu müssen, wie die Erwachsenen es gerne wollen. Außerdem: Die besten schlechtesten Wortwitze des Jahres. Ich werde diese Weihnachtsferien der Schnarcheopterix sein. Ich bin nicht ausgestorben. Ich mache nur einen ausgedehnten Winterschlaf.

[August/September: Im August hatte ich leider den schlimmsten Fall von Klausurenphase. Kein (nicht uni-relevantes) Buch weit und breit.]

Oktober:        Erste Hilfe

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Quelle: Dumont.de

Von Mariana Leky

Genre: Roman

Die Erzählerin arbeitet aushilfsweise in einem Kleintierladen. Sie wohnt bei Sylvester, einem Frauenschwarm, der viel damit zu tun hat, sich vor seinen Verehrerinnen verleugnen zu lassen. Bei den beiden klopft eines Abends Matilda an, um zusammen mit dem größten Hund der Welt Unterschlupf zu suchen.
Matilda hat ein Problem: Sie glaubt, den Verstand zu verlieren. Das durch Not und Zuneigung zusammengeschweißte Trio macht sich auf, ein unsichtbares Ungeheuer zu besiegen. Mariana Leky gelingt es, diesen Kampf gegen schwindelerregende Windmühlenflügel klingen zu lassen wie eine Filmkomödie: ein ebenso vergnüglicher wie bewegender Roman über Panik und andere Plagen. Die Angst überwindet nur, wer sie herausfordert.

Dieser Roman ist wie ein winziges Fenster in das Leben einer jungen Frau mit einer sozialen Phobie. Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest? Über diese Frage musste ich länger nachdenken, aber die Protagonisten dieses Romans haben eine klare Vorstellung davon: Endlich die Magisterarbeit schreiben. Sich nicht vor Gästen im Badezimmer verstecken. Die Straße überqueren.

Mariana Leky erzählt auf so eine so wunderbare, humorvolle und vor allem achtsame Art und Weise, das man gar nicht anders kann, als mit den Figuren mitzufühlen.

November:     Nichts weniger als ein Wunder

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Quelle: Randomhouse.de

Von Markus Zusak

Genre: Roman

„Dies ist die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder. Nach dem Tod der geliebten Mutter und dem Weggang ihres Vaters leben sie nach ihren ganz eigenen Regeln. Sie trauern, sie lieben, sie hassen, sie hoffen und sie suchen. Nach einem Weg, mit ihrer Vergangenheit klarzukommen, nach der Wahrheit und nach Vergebung. Schließlich ist es Clay – angetrieben von den Erinnerungen an ihren tragischen Verlust –, der beschließt, eine Brücke zu bauen. Eine Brücke, die Vergangenheit zu überwinden und so sich selbst und seine Familie zu retten. Dafür verlangt er sich alles ab, was er geben kann, und mehr: nichts weniger als ein Wunder.“

Die Dunbar-Brüderleben alleine. So alleine, wie fünf Brüder, ein Maultier, ein Hund, ein Kater, eine Taube und ein Goldfisch eben sein können. Dabei ist ihr Vater gar nicht tot – sondern so viele Welten entfernt, dass ihn die Söhne längst aufgegeben haben. Alle zumindest, bis auf einen. An „Die Bücherdiebin“, eines meiner absoluten Lieblingsbücher, kommt dieser Roman leider nicht ran. Aber ganz ehrlich: Markus Zusak könnte eine hundertseitige Bedienungsanleitung für ein Bügeleisen schreiben, und ich würde an jedem einzelnen Buchstaben kleben. Er erzählt eine Geschichte, die aus so vielen Bildern, so vielen Stimmungen, Scherben und Momentaufnahmen besteht, dass man das Gefühl bekommt, bei jedem von Clays Schritten dabei gewesen zu sein, als Zuschauer, oder als einer von seinen Geschwistern, die ihm mit allem, was sie haben, den Weg versperren und gleichzeitig seine größten Unterstützer sind.

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