Mama, wieso glaubst du das?

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„Ich finde es nicht so gut, wenn du dich testen lässt“, sagt meine Mutter und räuspert sich. Sie hat Halsschmerzen und ich jetzt auch ein bisschen. Heute fahre ich wieder zurück in meine WG und ich habe Angst, sie vielleicht mit Corona anzustecken.

„Warum müssen die auch die Wattestäbchen so tief in den Hals stecken? Hast du dich das schon mal gefragt? Alles für die DNA“, fährt sie fort. Ich verdrehe die Augen und seufze. Auf zu einer neuen sinnlosen Diskussion. Wie so oft.

Seit Beginn der Corona-Pandemie diskutieren wir viel.

Warum schließt die Regierung alle Geschäfte? Da steckt doch mehr dahinter. Jetzt muss man auch noch diese Masken tragen. Diktatur.

Ich würde die Pandemie am liebsten in die hinterste Ecke meines Gehirns schieben und mich so wenig wie möglich damit befassen, doch bei jedem Telefonat nach Hause geht es wieder nur um das Eine. Corona.

Ich fühle mich wie in einem Schwertkampf. Schlag auf Schlag von abstrusen Theorien, die ich mit Fakten abwehre.

Corona ist weniger tödlich als die Grippe. Nein, ist es nicht. Wo hat der Staat auf einmal das ganze Geld her? Warum möchte der Staat uns alle in die Abhängigkeit begeben, indem so viele Menschen Coronahilfen beantragen?

Die Verschwörungstheorie ist wie ein unsichtbares Monster

Die Verschwörungstheorie ist wie ein unsichtbares Monster, das von meiner Mutter Besitz ergriffen hat: kaum schlage ich ihm einen Kopf durch meine super Argumente ab, wachsen zwei neue bizarre Theorien.

Ich rufe weniger zuhause an. Es fällt mir schwer, mich mit einer Person, die ich so sehr liebe, so misszuverstehen. Normalerweise sind wir bei den meisten Dingen auf demselben Nenner, aber ich kann nur zusehen, wie sie langsam von mir driftet. Und wie wir uns immer weniger verstehen.

Tatsächlich ist meine Mutter leider nicht alleine mit ihren Ansichten, laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung befinden 29% aller Deutschen auf die Aussage „Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern“ für richtig oder wahrscheinlich richtig.

“Wir sind einfach auf verschiedenen Facebook-Feeds. Du wirst nicht glauben, was ich sage, und ich nicht, was du sagst.“

Manchmal scheint sie doch das Problem zu erkennen: „Wir sind einfach auf verschiedenen Facebook-Feeds. Du wirst nicht glauben, was ich sage, und ich nicht, was du sagst.“ Manchmal klappt es, sie sieht meine Argumente ein und ich schöpfe Hoffnung, aber beim nächsten Telefonat sind all die Fortschritte dahin und ich frage mich, warum ich diese Sisyphusarbeit mache.

„In zwei Jahren werden wir ja sehen, wer Recht hat.“, sagt sie ruhig, wenn wir uns wieder unterschiedliche „Fakten“ an den Kopf werfen. Ich frage mich, werden wir das? Wird sich wirklich alles auf magische Weise ändern, wenn diese Pandemie vorbei ist oder glaubst du dann an etwas anderes?

Der Ursprung von Verschwörungstheorien: Diffuse Angst.

Ich versuche, sie zu verstehen. Also höre ich mir im Dezember einen Vortrag zu Verschwörungstheorien an. Eine der Rednerinnen, Dr. Karoline Hochreiter, erklärt, dass Verschwörungstheorien zutiefst emotional sind. Dass sie aus einem Bedürfnis entstehen, in einer diffusen und schwierigen Situation, in der man alle Kontrolle verloren hat, wieder Kontrolle zu gewinnen. Aus der diffusen Angst, die durch viele Faktoren, wie Virus, Geldsorgen etc., bestimmt wird, wird: eine Angst vor denen da oben, die “das eingefädelt haben”. Und diese Angst lässt sich gut reduzieren: indem man die Theorie verbreitet kann man gegen sie angehen, sie kontrollieren. Und sich wieder sicher fühlen. Mehr zu der psychologischen Theorie dahinter.

Karoline Hochreiter sagt weiterhin, dass man den Menschen dahinter nicht vergessen soll. Dass es Menschen, die einer Verschwörungstheorie zum Opfer fallen, sehr schwerfällt, wieder zurückzukommen. Sie müssten ja eingestehen, dass sie die ganze Zeit falsch lagen und das ist mit sehr viel Scham verbunden.

Und wie kann ich helfen? Sie sagt, es gibt noch nicht viel Forschung dazu, wie man Leute wieder zurückbringt. Bisher sehe es so aus, als wäre es ein langwieriger Prozess. Na toll.

Nach dem Wochenende, an dem ich mir Verschwörungstheorie um Verschwörungstheorie anhören musste, sitze ich am Koblenzer Bahnhof. Mein Zug ist ausgefallen und ich muss eine halbe Stunde auf den Schienenersatzverkehr warten. Ich öffne meine Brotdose, die mir meine Mutter eingepackt hat und ich muss weinen. In der Brotdose ist eine geschälte Pomelo und wer schält schon Pomelo für einen? Sicherlich nur jemand, der einen immer noch liebt.

Beitragsbild: Photo by Olivier Piquer on Unsplash

QUELLEN

Douglas, K. M., Sutton, R. M., & Cichocka, A. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current directions in psychological science26(6), 538-542.

Hochreiter, K. & Schiesser, U. (2020) Verschwörungstheorien – Hilfe! Was Psychotherapeut*innen darüber wissen sollten. Verschwörungstheorien – Hilfe! Was Psychotherapeut*innen darüber wissen sollten. – YouTube

Roose, J. (2020). Sie sind überall – Eine repräsentative Umfrage zu Verschwörungstheorien. Konrad-Adenauer-Stiftung. 0f422364-9ff1-b058-9b02-617e15f8bbd8 (kas.de)

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